Berlinale: Candy Darling und Ian Dury – Außenseiter sind die interessantesten Stars

This entry was posted on 14.02.2010

Außenseiter sind meist die interessantesten Stars – die, die am schönsten funkeln, aber auch besonders schnell verglühen. Wer interessiert sich schon für die Geschichte heutiger „Superstars“ aus dem Fernsehen? Über die wird es niemals einen Kinofilm geben.

Candy Darling und Ian Dury waren anders . Auch wenn ihre Karrieren sonst nicht vergleichbar sind, hatten sie doch viele Gemeinsamkeiten: Sie hatten eine harte Kindheit und waren auch später Außenseiter. Sie beide hatten ihren großen Moment in der Popkultur, aber sind vom Mainstream längst vergessen.

Candy Darling, mit deren Leben sich James Rasin in seiner Dokumentation „Beautiful Darling“ beschäftigt, war eine besonders ungewöhnliche Person. Schon als Teeanger wusste sie, dass sie im falschen Körper – dem eines Jungen – geboren war.

Gerade das machte sie für eine Weile für die New Yorker Kunstszene so spannend: Lou Reed sang über sie in „Walk on the Wild Side“ („Candy came from out on the Island“, heißt es da), Andy Warhol besetzte sie in mehreren Filmen wie „Women in Revolt“.

Doch auch da blieb sie eine Außenseiterin: Candy war kein Transvestit, der sich als Frau verkleidet, sie war eine Frau. Gleichzeitig wusste sie, dass sie im Körper eines Mannes gefangen bleiben würde – nach einer Operation wäre sie weniger interessant für die die Kunstszene. Zugleich aber war klar, dass sie so weder ein großer Hollywood-Star noch eine „echte“ Ehefrau werden könnte. Beides aber wünschte sie sich. Als sie kaum 30-jährig an Krebs starb, war ihr Stern schon am Sinken.

James Rasin vermischt Archivmaterial aus Warhols „Factory“ und dem New Yorker In-Club „Max’s Kansas City“ mit Interviews. Vor allem ihr Freund Jeremiah Newton, der sie noch heute verklärt, kommt zu Wort. Doch die vielleicht spannendste Frage wird kaum beantwortet: Wie hat Candy ihre Kindheit in einem Vorort auf Long Island erlebt? Dafür hat „Beautiful Darling“ an anderen Stellen Längen.

In Ian Durys Geschichte, die Mat Whitecross als Spielfilm erzählt, ist die Kindheit von entscheidender Bedeutung. Dury hatte Kinderlähmung, er wuchs in einem Heim auf mit einem – typisch – tyrannischen Leiter. Nur so lässt sich seine Wut und seine Kraft, immer wieder aufzustehen, verstehen; allerdings erklärt sich dadurch auch, warum er mit seinem eigenen Sohn Baxter häufig auch nicht viel besser umgeht. An vielen Stellen zeigt Whitecross die Geschichte aus dessen Perspektive.

Heute ist Dury, anders als die Sex Pistols oder The Clash, kaum noch bekannt. Dabei kommt der Sänger aus der gleichen Szene, er gilt als Wegbereiter des Punkrock, erfand angeblich die Phrase „Sex & Drugs & Rock’N’Roll“ und hatte mit „Hit Me With Your Rhythm Stick“ 1979 einen großen Hit. Wäre der Mann ein wenig umgänglicher gewesen, hätte er heute die gleiche Bedeutung wie Elvis Costello.

Doch seine Eskapaden – „Sex & Drugs & Rock’N’Roll“ waren für Dury keine leeren Worte – verhinderten das. Einmal zertrümmert er ein Studio, als er eine Ballade aufnehmen sollte, die womöglich ein großer Hit hätte werden können.

1981 sollte er das offizielle Lied zum „Jahr der Behinderten“ der Vereinten Nationen schreiben. Dabei entstand „Spasticus Autisticus“, ein kompromissloses Lied, das vom Radio verbannt wurde. Kurz danach versandet seine Karriere in der Obskurität; hier endet auch der Film von Whitecross. Dury starb im Jahr 2000 an Krebs.

Der Regisseur, der sehr viel mit Michael Winterbottom gearbeitet hatte und mit ihm zuletzt die Doku „Die Shock Doktrin“ gedreht hat, vermischt anfangs beinahe dokumentarische Szenen mit poppigen, gemalten Hintergründen. Offensichtlich genießt er die Freiheit des Spielfilms, macht „Sex & Drugs & Rock’N’Roll“ dadurch aber auch recht anstrengend. Das scheint Whitecross bald zu merken – er hat die Technik später aufgegeben und einen konventionelleren Spielfilm gedreht. Das rettet die Geschichte.

Die Texte zur Berlinale erscheinen im Oranienburger Generalanzeiger.

Schreiben Sie einen Kommentar